Insgesamt 28 Mitglieder der Ortsgruppen Söhre-Kaufungerwald und Kassel – machten sich am 12.09.2026 auf den Weg an den Edersee, um dem dortigen Museum in der weiteren Nähe der historischen Sperrmauer einen Besuch abzustatten. Im Anschluss ging es weiter zur Mauer selbst, bevor der Tag bei einem geselligen Mittagessen im Restaurant Mythos ausklang – danach konnte jeder seinen Weg gehen. Was als gewöhnlicher Ausflug begann, entwickelte sich zu einem kurzweiligen, aber auch nachdenklich stimmenden Tag voller Geschichte.

Vom Königshaus persönlich empfangen

Empfangen wurde die Gruppe vom Museumsleiter selbst, der keine Zeit verlor, seine ganz persönliche Verbindung zum britischen Königshaus zu schildern. Über einen kleinen Anstecker mit dem Symbol des sogenannten „Dambusters“-Fliegers sei er einst bei einem öffentlichen Auftritt Königin Elizabeths II. ins Gespräch gekommen – die Monarchin habe ihn sofort als denjenigen erkannt, der ihr über Jahre Briefe geschrieben hatte. Seit 2011/2012 pflegt das Museum demnach einen regelmäßigen brieflichen Austausch mit dem britischen Königshaus, von Prinz William und Kate bis zu König Charles. 2013 würdigte sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel die Einrichtung als vorbildliches Beispiel deutsch-britischer Verständigung.

Drei Themen, eine Botschaft

Inhaltlich stellte der Museumsleiter die drei Schwerpunkte des Hauses vor: die Zerstörung der Sperrmauer selbst, den Luftkrieg von 1939 bis 1945 sowie den Vergleich zwischen deutschen und englischen Städten, die im Krieg gleichermaßen unter Bombardierungen litten. Bewusst verzichte das Museum darauf, einzelne Städte oder Ereignisse als besonderes „Fanal“ herauszustellen – der Tod habe in Kassel, Hamburg oder Dresden gleichermaßen gewogen. Schuldfragen würden nicht diskutiert; das Museum wolle vielmehr die Fakten zeigen, um daraus zu lernen.

Der Bau der Mauer: ein Kapitel harter Arbeit

Ein Schwerpunkt, der bei der Gruppe besonders nachwirkte, war die Geschichte der eigentlichen Bauzeit zwischen 1908 und 1914. Über 1.000 Arbeiter aus verschiedenen europäischen Ländern schufen die Sperrmauer unter Bedingungen, die aus heutiger Sicht kaum vorstellbar sind: körperlich extrem belastend, gefährlich und mit erheblichen Personenschäden verbunden. Verletzte und Tote gehörten zum Alltag der Baustelle. Der Ton unter den Arbeitern war rau, die Zustände hart – so hart, dass die Belegschaft irgendwann gegen die Bauleitung aufbegehrte und mehr Sicherheit sowie bessere Bezahlung einforderte.

Diese Episode reiht sich in ein größeres historisches Muster ein: Es waren genau solche Zustände – Tod, Elend und rücksichtslose Ausbeutung auf Großbaustellen und in der Industrie – die im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert die ersten Gewerkschaften hervorbrachten. Ob am Edersee selbst eine organisierte Gewerkschaft hinter dem Arbeitskampf stand, ließ sich vor Ort nicht abschließend klären. Doch der Protest der Arbeiter zeigt exemplarisch, warum sich Menschen überhaupt erstmals organisierten: um sich gegen Willkür, mangelnden Arbeitsschutz und Ausbeutung zur Wehr zu setzen. Eine Erinnerung, die auch heute noch trägt – Arbeitnehmerrechte sind kein Selbstläufer, sondern wurden über Generationen hinweg erkämpft.

Ein besonders bedrückendes Kapitel schließt sich beim Wiederaufbau der Mauer nach ihrer Zerstörung 1943 an: Diesmal waren es keine freien Arbeiter mehr, sondern Zwangsarbeiter, die unter der Organisation Todt in kürzester Zeit das gesprengte Loch wieder schließen mussten. Wo einst Menschen für bessere Arbeitsbedingungen kämpften, wurden nur drei Jahrzehnte später Menschen ohne jedes Recht zur Arbeit gezwungen – ein bitterer Kontrast, der die Ausbeutungsgeschichte der Mauer in ihrer ganzen Bandbreite zeigt.

Zwei Filme, ein Thema

Vor dem eigentlichen Museumsrundgang durfte die Gruppe demokratisch entscheiden: Dokumentation oder historischer Spielfilm? Die Wahl fiel auf einen kurzen, bewegend gestalteten Film über das Leben Königin Elizabeths II. sowie im Anschluss auf die Dokumentation „Der Edersee heute“, die den Bau der Sperrmauer, ihre technischen Besonderheiten und vor allem die Ereignisse der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 nachzeichnete.

An jenem Abend hatte die britische Royal Air Force mit eigens entwickelten Rollbomben die Sperrmauer der Eder sowie die der Möhne angegriffen. Die Flutwelle am Edersee forderte rund 68 Todesopfer, zerstörte hunderte Gebäude und richtete noch in Kassel und Hann. Münden schwere Schäden an. Besonders eindrücklich waren die im Film gezeigten Zeitzeugenberichte zweier Frauen, die in jener Nacht ihre Häuser und ihr Vieh verloren – Erinnerungen, die auch Jahrzehnte später noch unter die Haut gehen.

Ausblick: Kennedy-Ausstellung in Kassel

Am Rande erwähnte der Museumsleiter auch ein weiteres Projekt, an dem das Museum beteiligt ist: Vom 16. Oktober bis 1. November 2026 zeigt das Brauhaus Zum Rammelsberg (Rammelsberg Str. 4, Kassel) die Ausstellung „John F. Kennedy – die Ausstellung“ zum Attentat vom 22. November 1963. Weitere Informationen dazu unter www.ausstellung-jfk.de.

Ein Tag mit Nachwirkung

Zwischen historischen Fakten, augenzwinkernden Anekdoten über die museumseigene, gelegentlich störrische DVD-Technik und ernsten Zeitzeugenerinnerungen bot der Tag der Ortsgruppe einen facettenreichen Einblick in ein Kapitel deutsch-britischer Geschichte, das bis heute nachwirkt. Der Blick auf die Bauzeit der Mauer machte darüber hinaus deutlich, dass Geschichte sich nicht nur in Kriegsereignissen zeigt, sondern auch in den alltäglichen Kämpfen von Arbeiterinnen und Arbeitern um Sicherheit, Würde und gerechten Lohn – Kämpfe, die bis in unsere Gegenwart hinein Bedeutung haben.

Wer selbst einmal die Sperrmauer und das Museum besuchen möchte, findet weitere Informationen unter www.dambusters.de. Technische Hintergründe und aktuelle Pegelstände zur Edertalsperre bietet das zuständige Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Weser unter wsa-weser.wsv.de.

Bericht: Kollege Boris Behnke

Kategorie

Datum

20. September 2026

Lesezeit

5 Minuten

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